Siggern Wasserfall. (Diptychon)
Balm bei Günsberg. Kanton Solothurn. Schweiz. 21. März 2024
Daniel Schwartz
Fotografien seit 1973
3. Mai bis 18. Juli 2026
Für seine Ausstellung im Kunstraum Medici wählte Daniel Schwartz (*1955) zumeist unveröffentlichte Aufnahmen aus seinem Archiv seit 1973 aus. Gemessen am Gesamtwerk ist die Auswahl klein – und gerade darin präzise und überraschend. Die Präsentation ungerahmter Abzüge lehnt sich an Schwartz’ Ausstellung «Tracings» im Kunstmuseum Luzern an (2023/24), die das Resultat einer mehrjährigen Archivforschung war und Fotografien aus unterschiedlichen Entstehungszusammenhängen unter bestimmten Begriffen zu einer Erzählung der Welt zusammenführte. Im Kunstraum Medici begegnen sich nun vier Stichwörter: Raum, Terrain, Handlung, Objekt. Sechs Grossformate umgeben das Zentrum der Ausstellung, nämlich 41 Gelatinesilber-Abzüge auf vier Tischen. Schwartz arbeitet ausschliesslich analog und meist schwarzweiss. Das Ausstellungsthema ist so schlicht wie anspruchsvoll: Es geht um Fotografie – ihre Befragung und ihre Aussage, um die Bedingungen des Sehens.
Daniel Schwartz, einer der international renommiertesten Schweizer Fotografen, hat für sich den Begriff «informierte Fotografie» geprägt. Seit Jahrzehnten reist er in Krisenregionen, hält die Kamera auf eigentlich Unhaltbares, vermittelt mit humanistisch engagiertem Blick menschliche Versehrtheit, flüchtige Momente, Prozesse der Natur, Bauwerke unterschiedlichster Epochen. Es sind Abenteuerräume, brisante Orte, an denen er sich beharrlich und wiederholt aufhält, auch wenn die öffentliche Wahrnehmung längst anderswo ist. Ereignisdarstellung interessiert ihn nicht; sein Interesse liegt in der das Jetzt überdauernden Aufnahme, die auch ausserhalb einer berichterstattenden Folge als metaphorisches Einzelbild bestehen kann. Auch in seiner Heimatstadt Solothurn, wo Schwartz seit 2010 wieder lebt, bleibt er ein Reisender durch Raum und Zeit: Bibliothek, Dunkelkammer, Sammlung und Archiv fügen sich zu einem «Studiolo» – jener aus der Renaissance bekannten Gelehrtenkammer, die dem Arbeiten, Sammeln und der Reflexion diente, wo es bei Schwartz aber auch zum Austausch und zur Vermittlung kommt.
In den vier Auslagen der Ausstellung hat sich Daniel Schwartz als Fährtenleser seinem eigenen Werk genähert. Es sind Aufnahmen, die sich motivisch, inhaltlich, formal und technisch befragen lassen, wodurch unterschiedlichste Verbindungen und Aufladungen entstehen. Gleichsam als Studientische laden sie zu einer vergleichenden Untersuchung von Schwartz’ Fotografien ein. Der geheimnisvolle Blick in die Aare (2017) entstand in unmittelbarer Nähe des Kunstraums. Ansonsten aber zeugen die Aufnahmen von weit entfernten Kulturräumen. Aber immer führen Themen und Motive, Stoffe, die Verdichtung von Ästhetik und Information über die Orte hinaus. So etwa in dem für die Ausstellung komponierten Triptychon «Ruinen der Ideologie» über die Hinfälligkeit politischer Machtprojektion (Beijing, 1987; Bordeaux, 1992; Kabul, 1998).
Unter den gehängten Grossformaten sind zwei frühe Sachaufnahmen von Peperoni (1980 und 1986). Die skulpturale Qualität und der Glanz der Oberfläche lassen etwa an Bronzen des rumänisch-französischen Bildhauers Constantin Brâncuși denken. In den von nuanciert abgestuften Tonwerten geprägten Aufnahmen verbindet sich früh Schwartz’ Faszination für Texturen mit einer kontinuierlichen Reflexion des Mediums Fotografie; zugleich formulieren sie einen Grundzug seines gesamten Werks: die Aufhebung der Grenzen zwischen fotografischer Dokumentation und Kunst.
Patricia Bieder

